Veröffentlicht: 28. April 2026 · Zuletzt aktualisiert: 28. April 2026 · Autor: Dr. Nikola Petrovski, Sportmediziner
Anabole Steroide werden seit den späten 1930er-Jahren in der klinischen Medizin eingesetzt — die ersten dokumentierten Anwendungen erfolgten zur Linderung der Tumorkachexie bei Krebspatienten. In den nahezu 90 Jahren seither hat sich ein etabliertes Indikationsspektrum entwickelt, das von der Hormonsubstitution bei Hypogonadismus über die palliative Stützung bei HIV-Wasting bis zur akuten anabolen Therapie nach schweren Verbrennungen reicht. Der vorliegende Artikel ordnet die zugelassenen und etablierten Off-Label-Indikationen systematisch nach Krankheitsentität und beschreibt die rechtlichen Rahmenbedingungen der Verschreibung in Deutschland. Der enzyklopädische Überblicksbeitrag Anabole Steroide im Überblick bildet den Hub des gesamten Themenclusters; die zugrunde liegenden Wirkmechanismen werden im Beitrag Pharmakologie der Anabolika detailliert dargestellt.
Zugelassene und etablierte Indikationen anaboler Steroide
| Indikation | ICD-10 | Bevorzugte Substanz |
|---|---|---|
| Männlicher Hypogonadismus (primär) | E29.1 | Testosteron-Ester |
| Hypogonadotroper Hypogonadismus | E23.0 | Testosteron-Ester, hCG |
| Verzögerte Pubertät bei Jungen | E30.0 | Testosteron-Enantat |
| Aplastische Anämie | D61 | Oxymetholon |
| Hereditäres Angioödem | D84.1 | Danazol, Stanozolol |
| Schwere Verbrennungen (≥ 20 % KOF) | T31 | Oxandrolon |
| HIV-bedingtes Wasting-Syndrom | B22.2 | Oxandrolon, Oxymetholon |
| Tumor-Kachexie / chronische Kachexie | R64 | Oxandrolon, Nandrolon |
| Postmenopausale Osteoporose (historisch) | M81.0 | Nandrolon-Decanoat |
| Mammakarzinom (palliativ, historisch) | C50 | Stanozolol, Methenolon |
| Turner-Syndrom (Wachstumsstimulation) | Q96 | Oxandrolon |
| Geschlechtsinkongruenz (Trans-Männer) | F64.0 | Testosteron |
Anabole Steroide sind in Deutschland gemäß Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) rezeptpflichtig. Verordnungsberechtigt ist jeder approbierte Arzt; die fachärztliche Verantwortung liegt je nach Indikation bei Endokrinologen, Urologen, Hämatologen, Onkologen, Allergologen, Verbrennungsmedizinern oder pädiatrischen Endokrinologen.
Wofür werden anabole Steroide medizinisch eingesetzt?
Anabole Steroide werden seit den 1930er-Jahren medizinisch eingesetzt. Hauptindikationen sind Hypogonadismus, aplastische Anämie, schwere Verbrennungen, HIV-Wasting, Osteoporose, hereditäres Angioödem und verzögerte Pubertät. Die Verschreibung erfolgt unter strikter ärztlicher Kontrolle durch Endokrinologen oder Spezialisten.
Die ersten dokumentierten klinischen Anwendungen fielen in die späten 1930er-Jahre — zu einer Zeit, in der die Glukokortikoide noch nicht entdeckt waren und der Begriff Anabolikum eine deutlich breitere medizinische Hoffnung in sich trug als heute. Die Substanzen wurden zur Behandlung der Tumorkachexie eingesetzt, um den durch Krebs ausgelösten Gewichtsverlust und Muskelabbau zu bremsen. Die ausführliche Chronologie der medizinischen wie sportlichen Anwendungsgeschichte ist im Beitrag Die medizinische Geschichte der Anabolika dargestellt.
Pharmakologisch beruhen sämtliche therapeutischen Anwendungen auf drei Wirkprinzipien: einer anabolen Komponente mit Stimulation der Proteinsynthese und positiver Stickstoffbilanz, einer androgenen Komponente mit Vermittlung sekundärer Geschlechtsmerkmale und einer antikatabolen Komponente durch Antagonismus zum Glukokortikoid-Rezeptor. Je nach Indikation steht eine dieser Komponenten im Vordergrund.
In den vergangenen drei Jahrzehnten ist das Indikationsspektrum durch das Aufkommen neuer Substanzklassen schrittweise eingeengt worden. Rekombinantes humanes Wachstumshormon (Somatropin) hat seit der Marktzulassung 1985 weite Teile der Wachstumsstörungs-Therapie übernommen. Bisphosphonate, Denosumab und Romosozumab haben Anabolika in der Osteoporose-Behandlung weitgehend abgelöst. C1-Inhibitor-Konzentrate, Lanadelumab und Bradykinin-Antagonisten haben Danazol und Stanozolol beim hereditären Angioödem auf eine Zweitlinien-Position verdrängt. Aromatasehemmer und Fulvestrant haben Anabolika in der palliativen Mammakarzinom-Therapie ersetzt. Übrig geblieben sind Nischenindikationen, in denen Anabolika weiterhin First-Line-Status haben — allen voran die Testosteron-Ersatztherapie beim männlichen Hypogonadismus und die Oxandrolon-Anwendung bei schweren Verbrennungen. Eine kompakte Übersicht zur Substanzklasse liefert das deutschsprachige Fachwiki DocCheck Flexikon — Anabolika.
Hypogonadismus und Testosteronersatztherapie
Der männliche Hypogonadismus ist die häufigste medizinische Indikation anaboler Steroide. Testosteron in seinen Estern — Enantat, Cypionat, Undecanoat — ersetzt das fehlende körpereigene Hormon. Die Standarddosierung liegt bei 100–200 mg pro Woche; die Therapie ist meist lebenslang.
Hypogonadismus bezeichnet eine unzureichende Hodenfunktion mit niedrigem Testosteron-Spiegel und entsprechenden klinischen Symptomen. Die diagnostischen Kriterien — zwei morgendliche Messungen unter dem Schwellenwert von 12 nmol/l (EAU 2025) oder 9,2 nmol/l (Endocrine Society) zusammen mit klinischen Symptomen — und die einzelnen Therapie-Optionen werden im Schwester-Artikel Hypogonadismus & Testosteronmangel ausführlich dargestellt. Die zugrunde liegenden Empfehlungen stützen sich auf die Endocrine Society Clinical Practice Guideline von Bhasin und Kollegen (2018) sowie das EAU 2025 Update zu Male Hypogonadism.
In Deutschland sind mehrere Testosteron-Präparate für die Substitutionstherapie zugelassen: Testoviron-Depot als langjährig etabliertes Testosteron-Enantat zur intramuskulären Injektion, Nebido als Testosteron-Undecanoat-Depot mit Injektionsintervallen von 10 bis 14 Wochen, sowie die transdermalen Gele Testogel, Androgel und Testavan. Die ausführliche Anwendungsperspektive findet sich im Beitrag Detaillierte TRT-Übersicht. Die Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung ist bei gesicherter Diagnose etabliert; eine fachärztliche Erstdiagnose durch Endokrinologen oder Urologen ist die Regel, die Folgeverordnung übernimmt häufig der Hausarzt.
Anabolika bei aplastischer Anämie
Bei aplastischer Anämie galt Oxymetholon (Anadrol) jahrzehntelang als Standardtherapie zur Stimulation der Erythropoese. Heute wird die Substanz vor allem in Schwellenländern eingesetzt, wenn immunsuppressive Therapie und Stammzelltransplantation nicht verfügbar sind. Typische Dosierungen liegen bei 1–5 mg/kg täglich.
Die aplastische Anämie ist ein Knochenmarkversagen mit Panzytopenie — also einem gleichzeitigen Mangel an Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren anabole Steroide vor der Einführung effektiver immunsuppressiver Protokolle die wichtigste medikamentöse Therapieoption. Der Wirkmechanismus beruht auf einer Stimulation der Erythropoetin-Produktion in der Niere und einer Förderung der hämatopoetischen Stammzellproliferation im Knochenmark.
In der modernen Behandlung gilt heute die Kombination aus Anti-Thymozyten-Globulin (ATG) und Cyclosporin A als Erstlinien-Therapie bei nicht transplantierbaren Patienten, die allogene Stammzelltransplantation bei jungen Patienten mit passendem Spender. Anabolika wie Oxymetholon (Anadrol) behaupten ihren Stellenwert vor allem in Settings mit eingeschränkter Verfügbarkeit moderner Therapien — und in einer interessanten Nische der Telomeropathien wie der Dyskeratose congenita, wo immunsuppressive Therapie kausal nicht greift. Die Studie von Townsley und Kollegen „Danazol Treatment for Telomere Diseases“ im New England Journal of Medicine (2016) zeigte für Danazol eine signifikante Verlängerung der Telomere und Verbesserung der Hämatopoese bei Telomeropathie-Patienten — ein modernes Beispiel für die fortbestehende klinische Relevanz attenuierter Androgene.
Wachstumsstörungen bei Kindern
Bei konstitutioneller Wachstumsverzögerung und Turner-Syndrom wird Oxandrolon (Anavar) in niedriger Dosierung von 0,05–0,1 mg/kg täglich eingesetzt, um den Wachstumsschub zu beschleunigen. Rekombinantes Wachstumshormon hat diese Indikation seit den 1990er-Jahren weitgehend abgelöst.
Beim Turner-Syndrom — der gonosomalen Aneuploidie 45,X bei Mädchen — liegt eine Kleinwüchsigkeit als Kardinalsymptom vor. Die FDA-Zulassung von Oxandrolon umfasst die Wachstumsstimulation in dieser Indikation als Add-on-Therapie zu rekombinantem humanem Wachstumshormon (rhGH, Somatropin). Bei der konstitutionellen Pubertätsverzögerung bei Jungen wird Testosteron in niedriger Dosierung von 50–100 mg intramuskulär einmal monatlich über drei bis sechs Monate verabreicht, um die pubertäre Sexualentwicklung anzustoßen. Bei pathologischen Formen wie dem Kallmann-Syndrom geht die Kurzzeittherapie nach abgeschlossener Pubertät in eine dauerhafte Substitution über.
Mit der breiten Verfügbarkeit von Wachstumshormon als Alternative — verschiedene Somatropin-Präparate sind seit den 1990er-Jahren in Deutschland zugelassen — hat sich der Einsatz anabol-androgener Steroide bei pädiatrischen Wachstumsstörungen deutlich reduziert. Anabolika werden heute primär als Add-on oder bei Kontraindikation gegen rhGH eingesetzt. Eine engmaschige Kontrolle des Knochenalters ist obligat, um einen vorzeitigen Schluss der Wachstumsfugen mit konsekutiver Wachstumshemmung zu vermeiden — eine seit Jahrzehnten dokumentierte Komplikation bei zu hochdosierter oder zu langer Androgentherapie in der Pädiatrie.
HIV-Wasting & onkologische Kachexie
HIV-assoziiertes Wasting-Syndrom und tumorbedingte Kachexie sind klassische Indikationen für anabole Steroide zur Erhaltung der fettfreien Masse. Oxandrolon, Oxymetholon und Nandrolon Decanoat stoppen den Muskelabbau und verbessern die Lebensqualität — besonders relevant in der prä-ART-Ära der HIV-Behandlung.
Das HIV-Wasting-Syndrom (B22.2) ist als Gewichtsverlust von mehr als 10 % der Körpermasse plus chronische Diarrhö, Schwäche oder Fieber von mehr als 30 Tagen Dauer definiert. Vor der Verfügbarkeit der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) ab 1996 war Wasting eine häufige Todesursache bei AIDS-Patienten. Die FDA hat in dieser Indikation Oxandrolon und Oxymetholon zur Stützung der fettfreien Masse zugelassen. Die Studie von Strawford und Kollegen „Resistance exercise and supraphysiologic androgen therapy in eugonadal men with HIV-related weight loss“ im JAMA (1999) lieferte einen der wichtigsten klinischen Wirknachweise für die Kombination aus anaboler Therapie und Krafttraining.
Die onkologische Kachexie betrifft mehr als 80 % der Patienten im fortgeschrittenen Stadium solider Tumoren. Sie ist multifaktoriell bedingt — Tumor-Inflammation mit erhöhten TNF-α-, IL-1- und IL-6-Spiegeln, reduzierte Nahrungsaufnahme, gestörter Substratwechsel — und durch herkömmliche Ernährungstherapie nur begrenzt umkehrbar. Anabole Steroide werden in dieser Indikation als palliative Stützung eingesetzt, häufig in Kombination mit dem Gestagen Megestrolacetat. Ein Lebensverlängerungseffekt konnte in randomisierten Studien nicht gezeigt werden, wohl aber eine Verbesserung der Lebensqualität und ein verlangsamter Muskelabbau. Mit der Wirksamkeit moderner antiretroviraler Therapie hat die HIV-bezogene Indikation deutlich an Relevanz verloren; die onkologische Kachexie bleibt ein etabliertes Anwendungsgebiet, in dem anabole Steroide neben Megestrolacetat, Cannabinoiden und seit Kurzem dem Ghrelin-Mimetikum Anamorelin eingesetzt werden.
Osteoporose-Behandlung
Nandrolon Decanoat war historisch eine etablierte Therapie der postmenopausalen Osteoporose. Es stimulierte die Knochenformation und reduzierte das Frakturrisiko. Bisphosphonate, Denosumab und Romosozumab haben Anabolika in dieser Indikation seit den 1990er-Jahren weitgehend verdrängt.
Die postmenopausale Osteoporose (M81.0) war über mehrere Jahrzehnte hinweg eine Hauptindikation der anabolen Steroide. Nandrolon Decanoat in einer Dosierung von 50 mg intramuskulär alle drei Wochen verbesserte in Beobachtungsstudien die Knochendichte und reduzierte die Frakturrate bei postmenopausalen Frauen mit manifester Osteoporose. Der Wirkmechanismus beruht auf einer Aktivierung des Androgenrezeptors in Osteoblasten mit konsekutiver Knochenformation und einer gleichzeitigen Hemmung der osteoklastischen Resorption — anabole Steroide wirkten damit als duale Knochenmodulatoren.
Mit der breiten Verfügbarkeit moderner Antiosteoporotika ist die Indikation faktisch obsolet geworden. Bisphosphonate wie Alendronat und Risedronat (ab 1995), selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren wie Raloxifen, Denosumab als RANKL-Antikörper und seit 2019 Romosozumab als Sclerostin-Antikörper bieten heute eine evidenzbasiert überlegene Therapie mit besser dokumentiertem Frakturrisiko-Reduktions-Effekt. Die Übersichtsarbeit von Mangus und Kollegen „Anabolic-androgenic steroids in osteoporosis“ (2005) ordnet die historische Bedeutung der Substanzen in den modernen Therapiekontext ein. Eine fortbestehende Nische sind Männer mit Hypogonadismus-bedingter Osteoporose — bei dieser Patientengruppe verbessert die Testosteron-Substitutionstherapie die Knochendichte als wertvoller Begleiteffekt der Hormonersatztherapie. Substanzspezifische Details zu Nandrolon Decanoat finden sich auf der entsprechenden Profilseite.
Schwere Verbrennungen — Oxandrolon (Anavar)
Oxandrolon ist FDA-approved für schwere Verbrennungen mit ≥ 20 % verbrannter Körperoberfläche. Die typische Dosierung liegt bei 0,1 mg/kg zweimal täglich oral über vier Wochen — sie reduziert den hypermetabolischen Katabolismus, beschleunigt die Wundheilung und erhält die fettfreie Masse.
Schwere Verbrennungen verursachen einen ausgeprägten Hypermetabolismus mit einem Energieumsatz von 200–300 % des Normalniveaus, gesteigerter Proteinkatabolismus, Insulinresistenz und beeinträchtigter Wundheilung. Oxandrolon (Anavar) ist die einzige anabole Substanz mit gesicherter FDA-Zulassung in dieser Indikation und zeigt in der Akut- wie Rehabilitationsphase signifikante Wirksamkeit. Die randomisierte multizentrische Studie von Wolf und Kollegen „Effects of oxandrolone on outcome measures in the severely burned“ im Journal of Burn Care & Research (2006) lieferte den methodischen Goldstandard für die Indikation.
Die aktuelle Frontiers-Meta-Analyse 2025 fasst die Evidenz aus 20 Jahren randomisierter Studien zusammen und dokumentiert klinisch relevante Vorteile: Bei Kindern mit schweren Verbrennungen über mindestens 40 % der Körperoberfläche stieg die fettfreie Masse über zwölf Monate Therapie um 25 % gegenüber Placebo, die Anzahl chirurgischer Eingriffe sank von durchschnittlich vier auf 2,2, und die Wundheilung verlief beschleunigt. Mechanistisch konnten Stable-Isotope-Studien zeigen, dass Oxandrolon nicht primär die Proteinsynthese steigert, sondern den Proteinabbau in der Skelettmuskulatur unterdrückt — der entscheidende Effekt im hypermetabolen Postburn-Zustand. Synergistische Kombinationen mit dem β-Blocker Propranolol und Insulin gehören in spezialisierten Verbrennungszentren — etwa der Galveston Burn Unit der Herndon-Gruppe — zum Standardprotokoll. Die Therapiedauer reicht von 14 Tagen akut bis zu zwölfmonatigen Rehabilitationsschemata bei Kindern.
Hereditäres Angioödem (Danazol, Stanozolol)
Beim hereditären Angioödem mit C1-Inhibitor-Mangel verhindern attenuierte Androgene wie Danazol und Stanozolol wiederkehrende Schwellungsepisoden. Sie steigern die hepatische C1-Inhibitor-Synthese. Mit der Verfügbarkeit von C1-Inhibitor-Konzentraten und Bradykinin-Antagonisten gelten sie heute als Zweitlinien-Therapie.
Das hereditäre Angioödem (HAE, D84.1) ist eine autosomal dominante Erkrankung mit Mangel oder Dysfunktion des C1-Inhibitors. Klinisch imponieren rezidivierende, schmerzhafte Schwellungen der Haut, des Gastrointestinaltraktes und — potenziell letal — des Larynx. Die attenuierten Androgene Danazol (100–600 mg/Tag oral), Stanozolol (2–6 mg/Tag oral) und Oxandrolon waren über Jahrzehnte die Erstlinien-Langzeitprophylaxe. Wirkmechanistisch steigern sie die hepatische Synthese des C1-Inhibitors, verbessern damit die laborchemischen Marker C1-INH und C4 und reduzieren die Häufigkeit und Schwere der Schwellungsattacken.
Die Auswertung von 366 Patienten aus dem European Hereditary Angioedema Register von Bork und Kollegen „Side Effects Of Long-Term Treatment With Danazol And Stanozolol“ im Journal of Allergy and Clinical Immunology (2007) dokumentierte ein Nebenwirkungsprofil von 57 % betroffenen Patienten — am häufigsten Gewichtszunahme, Menstruationsstörungen bei Frauen, arterielle Hypertonie und in 6 % der Fälle irreversible Virilisierungen mit Stimmvertiefung und Hirsutismus. Diese Datenlage hat die Position der attenuierten Androgene zunehmend infrage gestellt.
Der AURA-Delphi-Konsens 2024 hat Danazol formell auf eine Zweitlinien-Position heruntergestuft. Erstlinien-Alternativen sind heute C1-Inhibitor-Konzentrate (Berinert, Cinryze) zur prophylaktischen Substitution, der monoklonale Antikörper Lanadelumab zur monatlichen subkutanen Anwendung, der orale Kallikrein-Hemmer Berotralstat sowie der Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist Icatibant zur Akutbehandlung. Stanozolol bei hereditärem Angioödem wird damit weltweit zur Reservetherapie — etwa bei Versorgungsengpässen oder Unverträglichkeit der modernen Präparate.
Verzögerte Pubertät bei Jungen
Bei verzögerter Pubertät bei Jungen — etwa der konstitutionellen Pubertätsverzögerung — wird Testosteron in niedriger Dosierung von 50–100 mg intramuskulär einmal monatlich über drei bis sechs Monate verabreicht. Ziel ist die Auslösung der pubertären Sexualentwicklung und der Wachstumsschub.
Die Pubertas tarda wird als Ausbleiben der Pubertätszeichen jenseits des 14. Lebensjahres definiert (Hodenvolumen unter 4 ml, kein Penisstreckenwachstum, keine Schamhaarentwicklung). In der Differenzialdiagnose unterscheidet die pädiatrische Endokrinologie zwischen der häufigeren konstitutionellen Pubertätsverzögerung mit familiärer Prädisposition und unauffälliger HPTA-Achse einerseits und pathologischen Formen wie dem Kallmann-Syndrom mit kongenitalem GnRH-Mangel oder Hypopituitarismus andererseits.
Die Kurzzeit-Testosteron-Therapie mit Testosteron-Enantat 50–100 mg intramuskulär alle vier Wochen über drei bis sechs Monate ist bei konstitutioneller Pubertätsverzögerung etabliert. Sie löst die spontane Pubertätsentwicklung aus, induziert den Wachstumsschub und beeinflusst die HPTA-Achse nicht dauerhaft. Eine engmaschige Kontrolle des Knochenalters ist obligat — überdosierte oder zu lang fortgesetzte Therapie führt zum vorzeitigen Schluss der epiphysären Wachstumsfugen mit konsekutiv reduzierter Endgröße. Bei pathologischen Formen geht die Kurzzeittherapie nach abgeschlossener Pubertät in eine lebenslange Hormonsubstitution über. In der Pädiatrie gilt der Grundsatz, dass bei jeder Verzögerung jenseits der konstitutionellen Variante zunächst eine umfassende endokrinologische Abklärung mit GnRH-Stimulationstest und Hypophysen-Bildgebung erfolgen sollte, bevor eine anabole Therapie initiiert wird.
Anabolika bei Mammakarzinom
Beim metastasierten Mammakarzinom waren Stanozolol und Methenolon historisch palliativ etablierte Therapien zur Symptomkontrolle und Lebensqualitätsverbesserung. Die androgene Wirkung antagonisiert die östrogenstimulierte Tumorprogression. Aromatasehemmer und SERDs haben diese Indikation seit den 1990er-Jahren verdrängt.
In der palliativen Behandlung des metastasierten östrogen-rezeptor-positiven Mammakarzinoms wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren androgene Substanzen — neben Stanozolol und Methenolon (Primobolan) auch Testolacton und Calusterone — zur Symptomkontrolle und Tumorstabilisierung eingesetzt. Der Wirkmechanismus beruht auf einem androgenen Antagonismus zur östrogenstimulierten Tumorprogression und auf direkten antiproliferativen Effekten in den Tumorzellen. Klinisch zeigten diese Therapien partielle Remissionen, eine Symptomverbesserung — insbesondere Linderung von Knochenmetastasen-Schmerzen — und eine Verlängerung des progressionsfreien Intervalls bei einem Teil der Patientinnen.
Mit der Markteinführung des selektiven Östrogenrezeptor-Modulators Tamoxifen im Jahr 1977 und der schrittweisen Verfügbarkeit der Aromatasehemmer Anastrozol, Letrozol und Exemestan ab den 1990er-Jahren ist die anabole Hormontherapie in der Mammakarzinom-Behandlung obsolet geworden. Moderne Therapien wie der selektive Östrogenrezeptor-Down-Regulator Fulvestrant, CDK4/6-Inhibitoren wie Palbociclib und zielgerichtete molekulare Therapien haben das Behandlungsspektrum weiter ausdifferenziert. Die persistierende Rolle anabol-androgener Steroide in der onkologischen Therapie beschränkt sich heute auf die palliative Stützung der Tumorkachexie — wie bereits im entsprechenden Abschnitt dargestellt — und nicht mehr auf die Tumorbehandlung selbst.
Maskulinisierende Hormontherapie für Trans-Männer
Trans-Männer erhalten zur Maskulinisierung Testosteron intramuskulär oder transdermal mit dem Ziel eines Spiegels von 11–35 nmol/l (320–1.000 ng/dl) — dem cis-männlichen Referenzbereich. Die Endocrine Society Clinical Practice Guideline 2017 ist die etablierte internationale Referenz für diese Hormontherapie.
Die geschlechtsangleichende Hormontherapie bei Geschlechtsinkongruenz (F64.0) ist seit Jahrzehnten medizinisch etabliert und durch zwei internationale Leitlinien standardisiert: die Endocrine Society Clinical Practice Guideline „Endocrine Treatment of Gender-Dysphoric/Gender-Incongruent Persons“ von Hembree und Kollegen (2017) sowie die WPATH Standards of Care Version 8 (2022). Die Indikationsstellung erfolgt nach umfassender psychiatrischer und endokrinologischer Abklärung.
Bei trans-männlichen Patienten — bei Geburt weiblich zugewiesen — ist Testosteron das zentrale Hormon. Etablierte Präparate sind Testosteron-Enantat (50–100 mg wöchentlich oder 100–250 mg alle zwei Wochen intramuskulär), Testosteron-Cypionat (50–100 mg wöchentlich), Testosteron-Undecanoat (Nebido, 1.000 mg alle 10–14 Wochen) und Testosteron-Gel (50–100 mg täglich transdermal). Der Zielspiegel von 11–35 nmol/l (320–1.000 ng/dl) entspricht dem mittleren cis-männlichen Referenzbereich.
Die zu erwartenden körperlichen Veränderungen folgen einem dokumentierten Zeitverlauf, der reversible von irreversiblen Effekten unterscheidet:
| Effekt | Beginn | Vollausprägung | Reversibilität |
|---|---|---|---|
| Amenorrhö | 1–6 Monate | 6 Monate | reversibel |
| Hautveränderung, Akne | 1–6 Monate | 1–2 Jahre | reversibel |
| Klitoris-Vergrößerung | 3–6 Monate | 1–2 Jahre | irreversibel |
| Stimmvertiefung | 6–12 Monate | 1–2 Jahre | irreversibel |
| Bart- und Körperbehaarung | 6–12 Monate | 4–5 Jahre | irreversibel |
| Muskelmasse-Zunahme | 6–12 Monate | 2–5 Jahre | reversibel |
| Fettverteilung-Umverteilung | 1–6 Monate | 2–5 Jahre | reversibel |
Das Monitoring umfasst Testosteron-Spiegel, Hämatokrit, Lipidprofil und Leberwerte zunächst alle drei Monate, ab dem zweiten Behandlungsjahr jährlich. Die Hauptkomplikationen entsprechen denen der Standard-TRT bei Hypogonadismus: Polyzythämie mit Hämatokrit-Anstieg über 54 %, Akne, Lipidveränderungen und in Einzelfällen kardiovaskuläre Risikoerhöhungen. Die Erstattungsfähigkeit durch die deutsche gesetzliche Krankenversicherung ist bei gesicherter Diagnose nach Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung etabliert.
Wer darf Anabolika in Deutschland verschreiben?
In Deutschland sind anabole Steroide gemäß Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) rezeptpflichtig. Verordnungsberechtigt ist jeder approbierte Arzt — die fachliche Verantwortung liegt bei Endokrinologen, Urologen, Hämatologen, Onkologen, Allergologen und Verbrennungsmedizinern je nach Indikation.
Der rechtliche Rahmen für die ärztliche Verschreibung anaboler Steroide besteht aus drei zentralen Regelwerken: dem Arzneimittelgesetz (AMG), das in § 48 die generelle Rezeptpflicht regelt, der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), die Testosteron-Präparate und weitere Anabolika ausdrücklich der Rezeptpflicht unterstellt, sowie § 6a AMG, der das Inverkehrbringen oder die Verschreibung zu Dopingzwecken in nicht geringer Menge unter Strafe stellt. Die ärztliche Indikation entscheidet über die Rechtmäßigkeit — bei gesicherter medizinischer Indikation ist die Verordnung legal und in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen erstattungsfähig.
Die Verordnungsberechtigung steht jedem approbierten Arzt zu. Die fachärztliche Erstdiagnose und Therapieeinleitung erfolgt jedoch praktisch immer durch Spezialisten der jeweiligen Indikation:
| Fachrichtung | Indikationen |
|---|---|
| Endokrinologie / Andrologie | Hypogonadismus, Trans-Hormontherapie |
| Urologie | sekundärer Hypogonadismus, klimakterisches Syndrom des Mannes |
| Hämatologie / Onkologie | aplastische Anämie, Tumorkachexie, palliative Therapie |
| Allergologie / Immunologie | hereditäres Angioödem |
| Verbrennungsmedizin / Plastische Chirurgie | schwere Verbrennungen |
| Pädiatrische Endokrinologie | Wachstumsstörungen, verzögerte Pubertät, Turner-Syndrom |
Die Folgeverordnung übernimmt häufig der Hausarzt, sofern die Indikation fachärztlich gesichert und der Therapieplan etabliert ist. Die zuständige Bundesoberbehörde für arzneimittelrechtliche Bewertung und Pharmakovigilanz ist das BfArM — Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die regulatorische Abstimmung mit der europäischen Ebene erfolgt über die EMA. Eine ergänzende Quelle für die in Deutschland zugelassenen Präparate und ihre Fachinformationen ist die FDA-Datenbank Drugs@FDA für die internationale Vergleichsperspektive.
Wie unterscheidet sich medizinische Anwendung von Bodybuilding-Use?
Medizinische Anwendung anaboler Steroide nutzt physiologische Dosierungen, definierte Indikationen und engmaschiges Monitoring. Bodybuilding-Anwendung verwendet supraphysiologische Dosen ohne medizinische Indikation, ohne ärztliche Begleitung — und ist in Deutschland nach § 6a AMG bei nicht geringer Menge strafbar.
Der zentrale Unterschied ist nicht die Substanz selbst, sondern Indikation, Dosis und Begleitung. Während Testosteron in der Hormonsubstitution und im Bodybuilding chemisch identisch ist, unterscheiden sich die Anwendungen in nahezu jedem klinisch relevanten Parameter:
| Aspekt | Medizinische Anwendung | Bodybuilding-Anwendung |
|---|---|---|
| Indikation | diagnostizierte Erkrankung mit ICD-10-Code | leistungssteigernd / kosmetisch |
| Wochendosis Testosteron | 100–200 mg | 300–1.000 mg oder mehr |
| Ziel-Plasmaspiegel | 15–25 nmol/l (mittlerer Normalbereich) | 80–150 nmol/l (supraphysiologisch) |
| Substanzauswahl | typischerweise Mono-Testosteron | Stack mit Trenbolon, Nandrolon, oralen AAS |
| Therapiedauer | bedarfsadaptiert, häufig lebenslang | 8–16 Wochen mit Off-Phase |
| Ärztliche Begleitung | obligat, fachärztlich | meist nicht vorhanden |
| Monitoring | regelmäßige Blutbild- und Hormonkontrollen | uneinheitlich |
| Rechtsstatus DE | rezeptpflichtig, legal mit Verordnung | nach § 6a AMG bei nicht geringer Menge strafbar |
| Krankenkassen-Erstattung | bei gesicherter Indikation | nicht zutreffend |
| WADA-Status (Sport) | TUE-pflichtig bei Wettkampfsportlern | Klasse S1, ganzjährig verboten |
Eine wichtige klinische Klarstellung: medizinisch indizierte Testosteron-Substitutionstherapie führt bei korrekter Dosierung nicht zu signifikantem Muskelaufbau über den durch den Hormonmangel verursachten Defizitausgleich hinaus. Die im Bodybuilding angestrebten supraphysiologischen Anabolismus-Effekte erfordern Dosen, die das Drei- bis Zehnfache der substitutiven Dosis erreichen — und mit ihnen ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre, hepatische und endokrinologische Komplikationen, das in der medizinischen Anwendung gerade vermieden wird.
Häufig gestellte Fragen zu medizinischen Anwendungen anaboler Steroide
Sind Anabolika in Deutschland legal verschreibbar?
Ja. Anabole Steroide sind in Deutschland gemäß AMVV rezeptpflichtig und dürfen bei medizinischer Indikation von jedem approbierten Arzt verordnet werden. Die Verschreibung zu Dopingzwecken bei nicht geringer Menge ist nach § 6a AMG strafbar — die ärztliche Indikation entscheidet über die Rechtmäßigkeit der Verordnung.
Welche Steroide sind in Deutschland zugelassen?
Zugelassen sind primär Testosteron-Präparate (Testoviron-Depot, Nebido, Testogel, Androgel, Testavan), Mesterolon (Proviron) und in spezifischen Anwendungsbereichen weitere Substanzen. Methandienon und Stanozolol sind in Deutschland aktuell nicht regulär zugelassen, können aber im Rahmen der Compassionate-Use-Regelung im Einzelfall über internationale Apotheken verfügbar gemacht werden. Die jeweils aktuellen Zulassungen werden über das BfArM und die EMA dokumentiert.
Was ist der Unterschied zwischen medizinischem und nicht-medizinischem Gebrauch?
Medizinischer Gebrauch erfolgt bei diagnostizierter Erkrankung mit ICD-10-Code, in physiologischer Dosierung, unter ärztlicher Begleitung mit regelmäßigen Verlaufskontrollen. Nicht-medizinischer Gebrauch — typisch im Bodybuilding — verwendet supraphysiologische Dosen ohne Indikation und ist in Deutschland nach § 6a AMG sowie dem Anti-Doping-Gesetz bei nicht geringer Menge strafbar.
Kann ein Hausarzt Anabolika verschreiben?
Rechtlich ja, jeder approbierte Arzt darf rezeptpflichtige Anabolika verordnen. Praktisch erfolgt die Erstdiagnose und Therapieeinleitung jedoch meist durch einen Facharzt — Endokrinologen, Urologen oder andere Spezialisten je nach Indikation. Die Folgeverordnung kann der Hausarzt übernehmen, sofern die Indikation fachärztlich gesichert und der Therapieplan etabliert ist.
Werden Anabolika bei Krebs eingesetzt?
Anabolika werden heute bei Krebs nicht mehr als Tumortherapie eingesetzt. In der palliativen Behandlung der Tumorkachexie können Oxandrolon oder Nandrolon den Muskelabbau bremsen und die Lebensqualität verbessern. Beim Mammakarzinom waren androgene Substanzen historisch palliativ etabliert, sind aber durch moderne Hormontherapien wie Tamoxifen, Aromatasehemmer und Fulvestrant verdrängt worden.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Anabole Steroide sind in Deutschland rezeptpflichtig und dürfen ausschließlich nach ärztlicher Indikationsstellung und unter fachärztlicher Begleitung angewendet werden. Patienten und Angehörige wenden sich bei Fragen zu konkreten Krankheitsbildern bitte an einen Facharzt der zuständigen Disziplin — Endokrinologie, Urologie, Hämatologie, Onkologie, Allergologie, Verbrennungsmedizin oder pädiatrische Endokrinologie. Die Autoren übernehmen keine Haftung für gesundheitliche Schäden durch eigenmächtige Anwendung oder Selbstmedikation.